Die Blume (2018)

Lesedauer: 2 Minuten

Ich laufe die vor meinem Wohnheim liegende Straße entlang. Rechts von ihr verlaufen parallel Eisenbahnschienen, die abgegrenzt sind durch einen rostigen Stahlzaun mit verbogenen Stäben und Löchern. An ihm hängen Schilder von Firmen, die es längst nicht mehr gibt. In ungefähr hundert Metern Entfernung von mir sehe ich eine junge Frau. Ihre Silhouette und ihre Kleidung gefallen mir auf Anhieb. Zwanzig Meter bevor wir einander passieren bleibt sie stehen und beugt sich zum Zaun. Sie reckt sich nach einer bläulich-violetten Blume, die sich durch den Zaun gekämpft hat. Ihre rechte Hand hält behutsam das Haar zurück. Sie atmet tief ein. Wie sie feinfühlig und bedächtig die Hand zu ihrem Haare führte beweist eine sensible Aufmerksamkeit. Nichts soll diesen Moment stören.

Während ich weiterlaufe folge ich ihren sanften Bewegungen und hoffe auf Augenkontakt. Ich hoffe auf ein Lächeln. Sie hebt ihren Kopf und kommt mir entgegen. Ich lächle, nicht aus Höflichkeit, nicht aus gesellschaftlicher Konvention; ich lächle weil ich sie mag, weil sie mir in dem Moment, in dem sie inne hielt, um ihren Kopf zu senken und an der Blume zu riechen, außerordentlich sympathisch wurde. Wie könnte sie das auch nicht. Im Gegensatz zu so vielen Menschen hat sie eine gewisse Aufmerksamkeit, eine Sensibilität für die kleinen, schönen Alltagsmomente. Sie bemerkt die reizende Blume nicht nur, sondern nimmt sich die Zeit, kurz anzuhalten, den Kopf zu senken und den feinen, süßlichen Duft aufzunehmen und somit den Sommer für einen flüchtigen Moment zu verlängern.

Unsere Blicke treffen sich. Ihr Gesicht, leicht mit Sommersprossen gesprenkelt, strahlt mich an. Mein Gemüt ist erfreut. Zwischen uns herrscht ein unausgesprochenes Verständnis. Kein Wort wird gewechselt. Wir passieren einander und jeder geht seines Weges. Ich drehe mich nochmal um, wünschte sie wurde sich umdrehen und mir ein weiteres Lächeln schenken. Sie dreht sich leider nicht um. Ich bin ein kleines bisschen verliebt und werde in nächster Zeit, wenn ich diese Straße entlang gehe, immerzu an diesen kurzen Moment der verständnisvollen Zweisamkeit denken.